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Erfahrungsbericht Studienaufenthalt 2004 in Israel, Dirk Müggenburg

Ich begann mein „Projekt Israel“ im Februar 2004 um dort den visuellen Teil meiner Diplomarbeit zu erarbeiten. Für einen Zeitraum von 6 Monaten war mein Zuhause die Bergregion westlich von Jerusalem. Ich wohnte zusammen mit zwei Israelischen Freunden, die ihrerseits die Möglichkeit des Auslandssemesters, unterstützt durch den Freundekreis Bezalel, ein Jahr zuvor in Hamburg an der HAW gemacht hatten. Unser geräumiges Haus war eine ausgebaute ehemalige Hühnerfarm und stand am Rande des kleinen Dorfes Giv'at Ye'arim. Von dort aus startete ich täglich (sofern es mein Stundenplan an der Bezalel Academy ermöglichte), ausgerüstet mit Kamera und Wasserflasche, meine Wanderungen über Berg und Tal.

 

Schon vor Antritt meiner Reise hatte ich den Eindruck, dass eine fotografische Studie von Landschaft und Natur Gegenstand meiner Abschlussarbeit sein könnte. Entsprechend meiner Tendenzen im Verlauf des Studiums entscheid ich mich letztendlich auch gegen eine journalistische, und für eine künstlerische Herangehensweise. Am besagten Ort, in Israel angekommen, gab es dann kein Zweifel mehr: ich wollte meine Eindrücke und Erfahrungen spiegeln, indem ich mich auf die Natur, zuweilen mit menschlichen Spuren versetzt, konzentrierte. Dies schien mir die einzig richtige Verhaltensweise als Künstler in einer mir fremden Region, die bestimmt ist von religiösen und politischen Konflikten.

 

Schon immer fühlte ich mich als Künstler in der Natur am wohlsten. Dort finde ich Konzentration und Vertrauen in meine fotografische Praxis. In Israel fand ich in ihr zudem noch eine „neutrale Zone“ , in der ich nicht den Eindruck bekam die dortigen Problemkonstellationen verstehen oder gar unmittelbar abbilden zu müssen. Im Gegenteil, ich nutze die Landschaft, und die in ihr gewachsene Vegetation, um meiner Verwirrung und Unwissenheit Ausdruck zu geben. Je länger ich mich in disem Land aufhielt, desto deutlicher erschien mir seine Komplexität und Vielfältigkeit.

 

Von zentraler Bedeutung während meines Aufenthalts war der Eindruck der allgegenwärtigen Kontraste: Mit Hitze hatte ich gerechnet, aber dass mir in meinem Wohnzimmer beim abendlichen TV-Gucken der Atem gefrieren würde, hätte ich zuvor als unmöglich erklärt. Tatsächlich bekam ich kurz nach meiner Ankuft mehr Schnee zu Gesicht als seit Jahren in Deutschland. Nur kurz darauf folgte eine Hitze, die die Seife im Waschbecken schmelzen lies. Im Frühjahr wurde der Verlauf meiner Wanderungen durch regelrecht expodierende Vegetationshecken bestimmt und im Sommer trieb die Sonne den Saft und die Farbe aus dem Gestrüpp, dass ich zuweilen den Eindruck bekam Schwarzweißfotografie zu betreiben.

 

Zwei weitere Erlebnisse sollen mir an dieser Stelle helfen, meinen Umgang mit meiner Situation als Fremder in einem höchst komplexen Land zu beschreiben:

 

Der Kaktuskuss

 

Im Garten einer Freundin stand es eine imposante Kaktushecke, die mein Interesse als Hobbybotaniker weckte. Ich testete, in wieweit ich ihre Blätter berühren konnte, ohne mich zu stechen. Man hatte mich davor gewarnt, und deshalb war ich umso überraschter, als ich merkte, dass kein einziger Stachel in meiner Haut stecken blieb. Ein Gefühl von Mut und Stolz überkam mich, das mich schließlich dazu verführte dem Kaktus als Höhepunkt meines Spieles einen Kuss aufzudrücken. Selbst das überstand ich unbeschadet. Begleitet wurde ich in dieser Situation von der Katze meiner Freundin, die sich ihrerseits für den Kaktus zu interessieren schien. Eine Stunde später war die Katze tot. Sie starb durch den Biss einer giftigen Schlange, die versteckt in der Kaktushecke lag. Dieses Erlebnis versinnbildlichte mir, was ich zuvor schon gespürt, aber noch nicht vollständig verstanden hatte. Es fiel mir sehr schwer, mich in einem Land mit hohem Gefahrenpotential zu orientieren. Anders als man vielleicht vermuten könnte, nahm mein Respekt vor möglichen Gefahren im Laufe der Zeit nicht ab. Im Gegenteil. Von Tag zu Tag lernte ich, dass es keine beständigen Regeln gab, die mir Sicherheit suggerierten. Jedesmal wenn ich glaubte etwas über das Wesen des Terrorismus gelernt zu haben, wurde mein Bild durch eine neue Variante wieder unlesbar. Die Gefahr schien sich vor allem durch ihre enorme Kreativität auszuzeichnen. In mir entwickelten sich die unterschiedlichsten Ängste, die sich mit Logik in kein nachvollziehbares Verhältnis stellen lassen. Unannehmlichkeiten blähten sich auf und überwucherten ernsthafte Bedrohungen. Privat stellte mich dieses Angst-Konstrukt auf eine harte Probe, in meiner Arbeit verstand ich es, dies als ein mir neues Werkzeug zu nutzen. Das soll nicht heißen, dass ich bei der Aufnahme aller Fotos unter Angstzuständen litt. Vielmehr glaube ich, dass die tägliche Auseinandersetzung mit dem Thema Angst eine Empfänglichkeit für beklemmende Motive schuf.

 

Der Treffpunkt

 

Auf einem meiner Wege begegnete mir ein scheinbar verwirrter Mann, der ebenfalls auf der Suche nach etwas zu sein schien, allerdings ohne Kamera. Er stoppte mich und sprach mich auf hebräisch an. Als ihm klar wurde, dass ich ihn nicht verstand, fragte er auf Englisch? „Where is the Holy Land?“ Ich war ziemlich irritiert und antworte: „You mean Israel? It’s here“ . Er schien damit zufrieden zu sein und ging weiter. Später wurde mir deutlich, wie sehr mir diese Situation gefiel. Sie sagte praktisch nichts aus, außer dass wir beide auf der Suche waren, am gleichen Ort, im gleichen Moment, aber nach unterschiedlichen Dingen. Und das war richtig so. Außerdem ich fühlte mich daran erinnert, dass ich nicht in dieses Land gekommen war, um es zu verstehen. Ich wollte es lediglich erleben, in seinem Einfluss stehen und ein Gefühl dafür entwickeln. Meine Fotografie hilft mir dabei. Sie lässt mich weiter sehen. Ich sehe nicht nur meine Umgebung, sondern auch mich selbst und meine Position darin. Letztendlich habe ich auch die Chance zu sehen, wie sich der Betrachter in meinen Bildern reflektiert.

 

 

Fotostrecke von Dirk

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